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„Ich arbeite nicht mehr, sondern anders“

Vor sechs Monaten ist Matthias Rincón als Gesellschafter und Geschäftsführer bei Ipartment ausgestiegen, das er mit seinem Freund Ralph Stock vor über zehn Jahren gegründet hatte. Was hat sich für ihn geändert? Eva Reik sprach mit Matthias Rincón über seine neue Freiheit im Leben, neues Unternehmertum, große Business-Travel-Veränderungen und den gewachsenen Druck im Segment.

„Eine Firma zu leiten, reicht eigentlich“, sagt Matthias Rincón mit Blick auf sein neues Unternehmerleben. © Christian Knieps, Köln

Herr Rincón, wir treffen uns in Ihrem Büro, nicht auf der Segeljacht, und Sie beraten Ipartment auch noch. Hat sich seit August 2023 gar nichts geändert?

Lustig, mein jüngerer Sohn meinte neulich zu mir: „Papa, warum hast Du eigentlich Deine Firma verkauft? Du arbeitest mehr als vorher.“ Ich arbeite nicht mehr, sondern anders, erklärte ich ihm. Der entscheidende Unterschied ist: Der immense Druck ist raus. Ich kümmere mich wieder mehr um meine Designagentur, meine Kollegen.
Es laufen verschiedene Projekte, die Alltagsroutine ist mir wichtig. Jeden Morgen ins Büro gehen zu können, die vertrauten Strukturen zu haben. Ich bin weit davon entfernt, hier die Zelte abzubrechen.

Und, hat Ihr Sohn das verstanden?

Ja, er hat es ziemlich auf den Punkt gebracht: Er meinte, es fühle sich wahrscheinlich nicht an wie Urlaub, eher vielleicht so, als wenn die Klassenarbeiten am Ende eines Halbjahres geschrieben seien. Er ginge dann weiter zur Schule, lerne, nur mache es mehr Spaß. Ein ziemlich guter Vergleich, finde ich.

Womit füllen Sie die gewonnene Zeit aus?

Auf den ersten Blick ist alles wie vorher. Für die Familie hat sich erst mal nichts geändert, an Arbeit und neuen Themen mangelt es auch nicht. Nur: Was ich früher – scheinbar – nebenbei gemacht habe, können jetzt erfüllende Tätigkeiten sein.

Wenn sich von heute auf morgen aber dann doch alles ändert, schwankt man nicht zwischen den beiden Extremen Weltreise und neues Business?

Mit der neuen Freiheit musste ich tatsächlich lernen umzugehen. Am Anfang gab es einen starken Impuls, mich sofort in ein neues Projekt stürzen zu wollen. Da half nur, gut in mich hineinzuhorchen, mich immer wieder zu fragen, warum ich diesen Schritt gegangen bin. Schließlich gab es ja Gründe dafür. Und alles, was ich gerade links und rechts neben der Agentur plane, sind ganz bestimmt nur Dinge, die mich in kein Tagesgeschäft mehr einbinden. Denn genau diesen operativen Alltag, den Businesstrott, die unumgänglichen Meetings und oft in verschiedenen Städten aufzuwachen – das wollte ich nicht mehr.

Gab es weitere Gründe für den Ausstieg?

Ja, zum Beispiel das Wissen, dass unternehmerisches Risiko auch Grenzen hat. Zum Zeitpunkt meines Ausstiegs hatten wir 1.300 Apartments. Verdopplung wäre das nächste unternehmerische Ziel gewesen. Ich hatte auch wenig Interesse, dass meine Anteile verwässern, was irgendwann notwendig gewesen wäre. In der Größenordnung hat es mir aber keinen Spaß mehr gemacht. Die operativen Themen können einen innerlich auffressen. Genau diese Fragen muss ich mir jetzt nicht mehr stellen. Das macht mich froh.

Welche Gefahren kann ein solcher Schritt bergen?

Eben genau den, dass die Folgen und das damit verbundene Gefühl weder absehbar noch planbar sind. Man ist von heute auf morgen in einer völlig anderen Lebenssituation – unabhängig. Aber eben auch ein wenig auf dem Abstellgleis. Und für Menschen, die großen Wert auf Selbstdarstellung legen, ist genau das schwierig. Wenn man nicht selbst ein wenig fürs Grundrauschen sorgt, ist man weg vom Fenster. Kurz: Man wird vielleicht schneller vergessen, als einem lieb ist, und man lernt schnell: Die Welt dreht sich auch ohne mich weiter. Aber mein Humor, meine positive Lebenseinstellung, mich selber nicht so wichtig zu nehmen, halfen ungemein, Lücken zu füllen.

Wie kompensieren Sie die Gefühle, die Erfolg und stetes Firmenwachstum mit sich brachten?

Manchmal vermisse ich die Bestätigung. Aber die Möglichkeit, mittags das Fahrrad zu nehmen, zwei Stunden durch den Stadtwald zu fahren, morgens vor der Arbeit im Grüngürtel zu joggen, ein Stopp im Lieblingscafé, das väterliche Grab zu besuchen, das Wochenende frei zu haben und viel mehr Zeit mit meiner Familie verbringen zu können – das ist total wertvoll.

Zeit ist also der neue Luxus?

Ganz ehrlich, ja. Vor sechs Monaten noch konnte ich solche Dinge nicht machen. Ich hatte zwar immer den Wunsch, solche Freiheiten als Routine ins Leben einzubauen, das hat aber nie geklappt. Jetzt habe ich mehr Entscheidungskraft und kann mich auch wieder dem Agenturalltag widmen, den ich über lange Zeit telefonisch geregelt habe, zum Leidwesen meiner Kollegen. Auf LinkedIn entdecke ich immer häufiger den Typ Mensch, der mehrere Firmen gleichzeitig zum Erfolg führen kann, privat alles bestens im Griff hat, der Sport trotzdem nicht zu kurz kommt, Freitag nicht arbeitet und dabei noch fantastisch aussieht. Das bin ich nicht und will ich nicht sein.
Eine Firma zu leiten, reicht eigentlich, merke ich gerade.

 

Welche Risiken gab es noch, außer den inneren Konflikt zu bewältigen?

Mein Ausstieg war relativ öffentlich, natürlich kamen verlockende Angebote. Nein zu sagen, war tatsächlich nicht immer leicht. Aber ich bin vertraglich gebunden, die Frage stellte sich also gar nicht. Außerdem: Ich steige ja nicht aus, um direkt wieder einzusteigen.

Wie lange haben Sie über den Ausstieg nachgedacht?

Nach der Pandemie waren wir als Unternehmen sehr gefragt, weil wir auch relativ gesund aus der Krise herausgekommen sind. Es gab genügend Anfragen, das Unternehmen zu veräußern. Zu dieser Zeit habe ich erstmals über den eigenen Ausstieg nachgedacht, der Prozess in mir wurde quasi von außen in Gang gesetzt. Wirtschaftlich war es für mich kein Unterschied. Der gewachsene Gesellschafterkreis hat meine Anteile übernommen. Die Verhandlungen dauerten ein Jahr, in dem ich Zeit hatte, nachzudenken, was ich möchte. Heute bin ich als Berater weiterhin eng mit Ipartment verbunden, das macht mir Freude.

Gab es weitere Anfragen, um Sie als Investor zu gewinnen?

Natürlich gab es auch Begehrlichkeiten. Interessant wurde ich als Person auch für verschiedene Start-ups. Eine ganz andere Welt, die mir bisher fremd war. Erstaunlich finde ich, wie hoch sie zum Teil bewertet sind, auch wenn oft keine Umsätze in den Büchern stehen. Manche sind auch schon wieder abgetaucht, mit zweien bin ich aber in regem Austausch. Mal schauen, ob und was daraus wird…

Also langweilig wird Ihnen nicht?

Nein, keineswegs. Die Kollegen aus meiner Agentur sind happy, dass ich jetzt wieder greifbar bin. Schließlich hat mit der Firma alles angefangen. Und ich entwickle gerade ein Büroprojekt, auf der freigewordenen Ipartment-Fläche. Das soll ein cooles Neighbourhood-Projekt werden, für das ich mit zwei Galeristen im Gespräch bin, und das für Veranstaltungen genutzt werden kann. Ein schöner Ort fürs Arbeiten und Networken am Kölner Stadtgarten. Das setze ich gerade um – als Idee. Ob daraus jemals ein Business wird, entscheide ich später.

Früher waren Sie gehetzt und sind es heute nicht mehr?

Exakt, das trifft es auf den Punkt. Früher bin ich mit Freunden essen gegangen und hatte die Zeit im Kopf. Heute schaue ich beim Dessert auf die Uhr und denke, was, schon so spät? Kochen macht im übrigen auch mehr Spaß, wenn man dabei von Zutaten träumt, und der Kopf nicht voll ist mit RevPAR, Auslastungskennzahlen, LOI, KPI und Co.
Die Serviced-Apartment-Branche fasziniert mich noch immer, aber sie ist in einem gewaltigen Umbruch, und ich bin froh, nicht mehr mittendrin zu stecken.

Was meinen Sie genau?

Den USP „Business Longstay“, den die Branche immer gefeiert und gelebt hat, der ein Aushängeschild war, den kann man heute so nicht mehr als USP stehen lassen.

Welches ist die größte Herausforderung für das Business?

Die, in der wir gerade stecken. Die massiv veränderten Reise- und Arbeitsgewohnheiten seit Beginn der Pandemie. Corona hat eben nicht nur die Welt der Büroimmobilien erschüttert, sondern auch die Hotel- und Serviced-Apartment-Welt vollkommen durcheinandergebracht. Einerseits sind die Abgrenzungen diffuser geworden, andererseits muss man das Angebot für eine breitere Zielgruppe öffnen, neue Alleinstellungsmerkmale herausarbeiten und im Haifischbecken der Hotellerie kämpfen.

Wie sehr hat sich das Geschäftsreisen verändert?

Reisetätigkeiten und „alte“ Arbeitsgewohnheiten haben sich im Business-Bereich entgegen aller Prophezeiungen gar nicht mehr entwickelt. Das manifestiert sich gerade mit großer Auswirkung auf den Immobilienmarkt. Und: Es betrifft alle Player, die von dem Markt abhängig sind, wie Hotels und Serviced Apartments. Sie müssen sich neu positionieren – mit erheblichen Risiken. Das gewerbliche Longstay alleine funktioniert nicht mehr. Das Business muss sich neuen Zielgruppen öffnen, darf aber gleichzeitig die Business-Kunden nicht aus den Augen verlieren.

Ist es einfacher, beratend als verantwortlich auf diesen Wandel zu blicken?

Auf jeden Fall ist es leichter, als Außenstehender und nicht als Teil der Bubble zu analysieren.

Haben Sie bereits Lösungen gefunden?

Es geht darum, eine gute Balance zu finden, die Identität zu wahren und dabei begehrlich zu bleiben. Es ist nicht einfach, aber möglich. Der Glaube, nach Corona wird alles so wie vorher, war ein massiver Trugschluss. Die massive Immobilienkrise im Bürosegment und Retail wird Folgen haben.
Es ist ein gigantischer Umbruch. Jedes Unternehmen kämpft um Mitarbeiter und darum, Mitarbeiter – zumindest temporär - aus dem Homeoffice zurück ins Büro zu holen. Aber dafür braucht es z.B. mehr als eine coole Einrichtung und nette Chefs. Vielleicht treffe ich ja mit meinem Büro-Projekt ins Schwarze. Wer weiß? Aber es bieten sich derzeit auch Chancen, das muss man auch sehen.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Auf jeden Fall in Italien. In einer kleinen Stadt am Meer. Zumindest temporär. Meine Frau ist in der Südschweiz geboren und aufgewachsen. Das ist schon fast unsere zweite Heimat, und die Nähe zu Italien ist gegeben.
Weil ich nicht der Typ Auswanderer bin, brauche ich Köln, aber auch Pausen von meiner Heimatstadt. Da halte ich es sehr mit den Jungs der Kölner Band AnnenMayKantereit und ihrem Song Tommi: Man muß wissen, wo seine Heimat ist. Irgendwann kehrt man dahin zurück, wo die Liebe am größten ist. Und das ist für mich Köln. Für Unternehmerverhältnisse habe ich schon immer viel Urlaub gemacht, das lässt sich aber noch steigern. Außerdem will ich mich noch mehr der Kunst und meiner Zeichnungs- und Fotografie-Sammlung widmen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Rincón.