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„Apartmentkonzepte sind Arbeitsmarktinfrastruktur“

Wie sehr nehmen Apartmentkonzepte aktuell wirklich Druck vom Wohnungs- und Arbeitsmarkt? Wie beurteilen institutionelle Investoren die Assetklasse aktuell? Ein Gespräch mit Alejandro Obermeyer, Head of Transaction DACH, und Henrik von Bothmer, Head of Operated Living, beide bei Union Investment.

„Wir sehen eine zunehmende Professionalisierung der Betreiberlandschaft“, sagen Henrik von Bothmer (l.) und Alejandro Obermeyer (r.). © Union Investment

Herr Obermeyer, Herr von Bothmer, die Apartmentbranche hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt. Wie bewerten Sie aktuell die Situation am deutschen Wohnungsmarkt? Welche Rolle übernehmen wohnwirtschaftliche und gewerbliche Apartmentkonzepte  heute innerhalb des Wohnungsmarktes?

Alejandro Obermeyer:  Wir sehen nach wie vor eine sehr hohe Nachfrage bei gleichzeitig rückläufigen Fertigstellungszahlen im Neubau. Dieses Missverhältnis führt dazu, dass sich die Angebotsverknappung weiter verschärft und die Mietpreise in vielen Großstädten steigen. Der Bedarf an Wohnraum bleibt hoch, während das Angebot nicht entsprechend wächst. 
Gleichzeitig beobachten wir, dass die Mobilität im Bildungs- und Arbeitsmarkt zunimmt. Immer mehr Menschen benötigen Wohnlösungen, die kurzfristig verfügbar, flexibel nutzbar und unkompliziert zugänglich sind. Genau hier gewinnen Apartmentkonzepte zunehmend an Bedeutung.

Henrik von Bothmer:  Apartmentkonzepte bedienen eine stetig wachsende Nachfrage nach flexiblen Wohnangeboten. Dazu zählen internationale Fachkräfte, Studierende, Berufseinsteiger oder Pendler, die für einen bestimmten Zeitraum an einen neuen Standort kommen und schnell eine passende Unterkunft benötigen. 
Aus unserer Sicht sind Apartmentkonzepte inzwischen ein relevanter Bestandteil der Arbeitsmarktinfrastruktur. Sie ermöglichen Mobilität, unterstützen Unternehmen bei der Gewinnung von Fachkräften und bieten Menschen in Übergangsphasen eine unkomplizierte Wohnlösung. Sie ersetzen den klassischen Wohnungsbau nicht, sondern ergänzen ihn um ein Segment, das andere Bedürfnisse adressiert.

Welchen Beitrag können Apartmentkonzepte leisten, um Druck vom Wohnungsmarkt zu nehmen?

Alejandro Obermeyer:  Jedes zusätzliche Apartment kann dazu beitragen, Nachfrage vom klassischen Wohnungsmarkt abzuziehen. Besonders in urbanen Lagen ermöglichen effiziente Grundrisse und intelligente Möblierungskonzepte eine hohe Flächeneffizienz.

Henrik von Bothmer:  Dabei geht es nicht darum, alle Herausforderungen des Wohnungsmarktes zu lösen. Apartmentkonzepte entlasten vor allem den Teilmarkt kleinerer Wohnungsgrößen. Wenn Menschen mit temporärem Wohnbedarf passende Apartmentangebote finden, müssen sie nicht auf den ohnehin knappen Bestand klassischer Wohnungen zugreifen. 
Ein wesentlicher Vorteil von Apartments ist für sie die Flexibilität. Die Miet- und Aufenthaltsdauer orientiert sich häufig stärker an den tatsächlichen Lebens- und Arbeitssituationen der Bewohner bzw. Gäste als klassische Miet- und Beherbergungsverhältnisse. Hinzu kommen die hohe Digitalisierung und die niedrigen Zugangshürden. Digitale Besichtigungen, volldigitale Vertragsabschlüsse und unkomplizierte Buchungsprozesse ermöglichen es, Apartments auch aus der Ferne anzumieten. Für international mobile Zielgruppen ist das ein entscheidender Mehrwert. Darüber hinaus spielen Serviceangebote eine immer größere Rolle. Community-Flächen, Washing Lounges oder ergänzende Dienstleistungen schaffen zusätzlichen Komfort und fördern die Aufenthaltsqualität.

Welche Trends werden die Entwicklung der Assetklasse in den kommenden Jahren bestimmen?

Alejandro Obermeyer:  Wir gehen davon aus, dass die Nachfrage nach möblierten, digitalen und kurzfristig verfügbaren Apartmentangeboten weiter wächst. Die Mobilität im Bildungs- und Arbeitsmarkt wird ein langfristiger Treiber bleiben.

Henrik von Bothmer:  Parallel dazu sehen wir eine zunehmende Professionalisierung der Betreiberlandschaft. Nach starken Wachstumsjahren rücken Skalierung, Prozessoptimierung und operative Exzellenz stärker in den Fokus. Dadurch wird sich die Branche weiter ausdifferenzieren.

Trotzdem bleibt das Angebot begrenzt. Wo liegen aktuell die größten Herausforderungen?

Henrik von Bothmer:  Die hohen Bau- und Grundstückskosten stellen weiterhin eine erhebliche Belastung dar. Das betrifft zwar den gesamten Immobilienmarkt, wirkt sich aber unmittelbar auf die Entwicklung neuer Apartmentprojekte aus. Zusätzlich führen regulatorische Unsicherheiten zu Zurückhaltung bei Investitionen. Viele Rahmenbedingungen orientieren sich noch stark an klassischen Wohnformen, obwohl Apartmentkonzepte ganz andere Nutzerbedürfnisse aufweisen.

Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Alejandro Obermeyer:  Stellplatzvorgaben sind ein gutes Beispiel. In vielen Apartmentprojekten entstehen Stellplätze, für die später kaum Nachfrage vorhanden ist. Trotzdem erhöhen sie die Projektkosten erheblich. Ähnliches gilt für bestimmte baurechtliche Anforderungen oder für Regelungen, die auf klassische Mietwohnungen zugeschnitten wurden. Wohnwirtschaftliche Apartmentkonzepte haben andere Zielgruppen, andere Mietdauern und häufig All-in-Mietmodelle. Diese Besonderheiten sollten stärker berücksichtigt werden.

 

Wie beurteilen institutionelle Investoren die Assetklasse aktuell?

Henrik von Bothmer:  Apartmentkonzepte unterscheiden sich von klassischen Wohnimmobilien vor allem durch ihren operativen Charakter. Betreiberleistung, Serviceangebote und die Nutzererfahrung spielen eine deutlich größere Rolle. Dazu kommen möblierte Einheiten, Gemeinschaftsflächen und häufig pauschalierte Mietmodelle. Außerdem ist die Fluktuation typischerweise höher. Für Investoren bedeutet das, dass neben der Immobilie selbst auch das Betriebsmodell eine zentrale Rolle für den wirtschaftlichen Erfolg spielt.

Was müsste sich ändern, damit Apartmentkonzepte ihr Potenzial noch besser entfalten können?

Alejandro Obermeyer:  Wichtig wäre eine stärkere Differenzierung zwischen klassischen Wohnformen und Apartmentkonzepten im regulatorischen Rahmen. Das betrifft unter anderem Mietregulierung, baurechtliche Vorgaben sowie steuerliche Fragestellungen. Letztlich geht es darum, den tatsächlichen Bedarf der Nutzergruppen anzuerkennen. Wenn die Rahmenbedingungen stärker an den realen Nutzungsmustern ausgerichtet werden, können deutlich mehr Angebote entstehen.

Abschließend gefragt: Wie sehen Sie die Zukunft der Assetklasse Apartmentkonzepte?

Henrik von Bothmer:  Wir erwarten, dass Apartmentkonzepte langfristig einen wachsenden Anteil am Markt einnehmen werden. Die Nachfrage nach flexiblen Apartmentkonzepten ist strukturell vorhanden und wird weiter zunehmen. Entscheidend wird sein, dass dieser nachfragegetriebene Trend nicht durch ungeeignete regulatorische Vorgaben ausgebremst wird. Apartmentkonzepte sind kein Ersatz für den klassischen Wohnungsbau, aber ein unverzichtbarer Bestandteil eines modernen und vielfältigen Marktes. Sie werden künftig eine wichtige Rolle dabei spielen, Mobilität zu ermöglichen und spezifische Nutzerbedarfe zielgerichtet zu bedienen – Apartmentkonzepte sind Arbeitsmarktinfrastruktur.

Vielen Dank für das Gespräch!